Der Drachengeschichten-Adventskalender von Patricia Koelle enthält 24 weihnachtliche Geschichten mit Lisa, Lukas und dem kleinen Drachen Fissinor. Diese Adventskalendergeschichten gibt es als eBook in der Amazon Kindle Edition.
Den Drachengeschichten-Adventskalender kann man aber auch online lesen. Wie es sich für einen richtigen Adventskalender gehört, kann man jeden Tag ein neues Türchen aufmachen und wie es sich für einen richtigen Adventskalender gehört, kann das erste Adventskalendertürchen am 1. Dezember geöffnet werden.
Zum Adventskalender gibt es eine zweiteilige Vorgeschichte. Diese kann man jederzeit lesen.
Bald steht, wie jedes Jahr, Weihnachten vor der Tür. Weihnachten ist für mich nicht nur das Fest der Liebe und der Geschenke, des glitzernden Baumes und der Anblick der lieben Verwandten, sondern auch des Schweinebratens. Doch seit einiger Zeit will es mir nicht mehr so richtig schmecken. Denn ich muss immer wieder an das Kleine Schweinchen denken, das ich persönlich gekannt habe. Alles erdenkliche Glück habe ich ihm gewünscht und hätte es gerne gesehen, wenn es zu einer großen und fetten Sau herangewachsen wäre. Doch leider … Dies ist also ist die ach so herztraurige Geschichte.
Als das neue Schuljahr begann, durfte auch das Kleine Schweinchen die Bank der ersten Klasse drücken.
„Ein kleines, schlaues Schweinchen“, wie die einen sagten.
„Und ein genügsames“, wie die anderen hinzufügten. „Es frisst alles. Sogar Spinatsuppe, bei deren Anblick die meisten Kinder grün im Gesicht werden.“
Ja, das Kleine Schweinchen war sehr beliebt. Beim Lehrer, weil es immer so artig dasaß; bei den Kindern, weil sie mit ihm spielen durften und es ihnen bei den Schularbeiten half. Und beim Bauer natürlich, der auch schon so seine Pläne hatte. Denn auch dieses Jahr würde es wieder ein Weihnachten geben. Doch davon hatte das Kleine Schweinchen aber keine Ahnung. Denn seine Mutter Jolanda war gar nicht mehr dazu gekommen ihm zu erklären, was es so auf sich hat mit Weihnachen, dem Fest der Liebe.
Der Herbst war kurz, aber schön. Doch als der November begann, wollte es gar nicht mehr aufhören zu regnen. Alles war grau und trostlos. Auch das Kleine Schweinchen war in trüber Stimmung. Im Unterricht war es zum Leidwesen des Lehrers nicht mehr so aufmerksam wie früher. Und hatte auch keine Lust mehr, mit den Kindern zu spielen und ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Der Lehrer erzählte dem Bauern davon. Dieser war zwar einfach im Geiste und der Rand des Kartoffelackers war auch gleichzeitig das Ende der Welt für ihn. Doch er wusste aus bäuerlicher Erfahrung, dass nur ein fröhliches und glückliches Schwein gutes Fleisch brachte. So versuchten er und die Bäuerin das Kleine Schweinchen bei guter Laune zu halten. Man kaufte ihm allerlei Spielzeug und verwöhnte es mit Leckerbissen. Sogar im Wohnzimmer durfte es sitzen und sich mit den anderen Kindern die Muppetshow ansehen. Dies alles heiterte das Kleine Schweinchen wieder auf. Und es wäre wohl auch wieder so unbekümmert und fröhlich wie früher geworden, wenn es nicht jenes Gespräch mitbekommen hätte. Kurz vor Weihnachten, alles war weiß und eisig (das Kleine Schweinchen hatte sogar Schlittschuhlaufen gelernt), hörte es wie der Bauer zur Bäuerin sagte: „Am Samstag ist es soweit. Ich habe schon den Schlachter bestellt. Denn unser Kleines Schweinchen ist jetzt im richtigen Alter, wo das Fleisch besonders gut schmeckt.“
Als das Kleine Schweinchen dies hörte, wäre es fast schon hinter der Bretterwand gestorben, wo es sich gerade befand. Es war zwar noch jung und unerfahren, doch dumm war es nicht. Und es konnte sich ganz gut vorstellen, was am Samstag passieren würde. So packte es noch am selben Abend seine wenigen Habseligkeiten zusammen und verließ bei Nacht und Mond den Hof.
„Bloß weg von hier“, dachte es. „Vielleicht gibt es woanders Menschen, die Vegetarier sind. Oder lieber Hühnerfleisch essen.“
Drei Tage und Nächte war das Kleine Schweinchen nun schon unterwegs. Besser gesagt, auf der Flucht. Es ernährte sich von dem, was es hier und da fand. Denn dies ist der Vorteil von Schweinen: sie können fast alles fressen. Besonders wenn sie hungrig sind. Und hungrig war es immer. Einmal fand es sogar Unterschlupf in einer Scheune, wo es vor Schnee und Kälte geschützt war. Manchmal bereute das Kleine Schweinchen, dass es nicht seine Schlittschuhe mitgenommen hatte. Doch am Abend des vierten Tages war es so hungrig und müde, dass es beschloss, irgendwo anzuklopfen und um eine Nachtbleibe zu bitten. Als es die ersten Häuser erblickte, fasste es sich Mut und ging auf eines der erleuchteten Fenster zu. Vor der Tür blieb es stehen, atmete tief durch und klopfte so feste es konnte dagegen. Es dauerte eine Weile, bis es Schritte hörte und sich die Tür öffnete. Der Sohn des Rabbis stand vor ihm. Erstaunt blickte dieser auf das kleine und seltsame Wesen vor ihm. Dann durchzuckte es ihn. „Ein Schwein!“
Das Kleine Schweinchen schluckte ein paar Mal und schaffte es dann zu sagen: „Ich bin hungrig und müde vom langen Wandern und bitte um ein bescheidenes Mal und um ein Nachlager.“
Der junge Mann stand wie erstarrt da und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.
„Was gibt es da?“, fragte eine tiefe Stimme aus dem Inneren der Wohnung.
„Hier steht ein Schwein und bittet um ein Nachtlager“, stotterte der junge Mann.
„Igittigitt“, hörte man ein Mädchen sagen. Dann war wieder die tiefe Männerstimme zu vernehmen. „Warte, ich komme.“
Kurz darauf erschien der Rabbi. Groß und mit schwarzem Bart. Er zeigte keinerlei Erstaunen, dass ein Schwein vor seiner Türe stand. Freundlich, doch mit prüfendem Blick, schaute er auf das Kleine Schweinchen herab. „Da hast du aber Glück gehabt, dass du bei keinem Christenmenschen gelandet bist“, sagte er lächelnd. „Denn Weihnachten steht vor der Türe. Doch komm und tritt ein. Im Keller gibt es noch Platz. Dort kannst du schlafen. Und ich werde dir etwas zum Essen herunterbringen lassen. Doch es ist koscher.“
Das Kleine Schweinchen nickte dankbar.
„Ich weiß nicht, was koscher ist. Doch wenn man hungrig ist, dann freut man sich über jedes Essen.“
„So, so“, murmelte der Rabbi. Und an der erstaunten Familie vorbei führte er das scheu lächelnde Kleine Schweinchen nach unten in den Keller. Dort gab es Decken, worauf es sich legen konnte. Und als es gegessen hatte, koscher hin, koscher her, fühlte es sich nach langer Zeit wieder wohl und kuschelte sich tief unter die Decken.
Das Kleine Schweinchen wusste nicht, wie lange es geschlafen hatte. Doch als es erwachte, konnte es sich nicht mehr bewegen. Es lag gefesselt auf einer Karre und begriff nicht, was geschehen war. Auch wusste es nicht, wo es sich befand. Nur den hohen, kalten und blauen Himmel konnte es erblicken. Es wollte schreien, doch seine Stimme war wie gelähmt.
Dann hörte es den Rabbi sagen: „Gegen diese Ziege würde ich das Schwein schon eintauschen.“
„Gut“, gab der andere zur Antwort. „Solch ein Schwein kommt mir zu Weihnachten gerade gelegen. Und als der Rabbi ging, wünschte er noch ein frohes Fest. Da fing das Kleine Schweinchen an zu begreifen.
„Ich hätte es wissen müssen. Frohe Weihnachten gibt es nicht für arme Schweine.“
Doch leider hat ihm diese philosophische Erkenntnis nichts mehr genützt. Und Tränen liefen seine rosigen Wangen hinunter.
*** Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags
Steil bergauf schlängelte sich der Hohlweg durch den dunklen, verschneiten Fichtenwald. Die Äste hingen tief herab und tropften unaufhörlich. Wasserrinnsale durchfurchten den harschen Schnee, sammelten sich zu kleinen Bächen und plätscherten quer über Schotter und Geröll.
Bei jedem Schritt gluckerten seine Lederstiefel im unsteten Takt der tropfenden Äste. Die Gurte des Armeerucksacks schnitten in seine hageren Schultern. Obwohl sich darin nur seine wenigen Habseligkeiten befanden, drückte ihn das Gewicht fast zu Boden.
Er blieb kurz stehen, atmete tief die nasskalte Luft ein und blickte zum Himmel auf. Er war grau und trüb wie seine Gedanken.
Sein Onkel war nicht gekommen, um ihn am Bahnhof abzuholen. Dabei hatte er es nach der Beerdigung fest versprochen. Lange hatte er in dem zugigen Granitgebäude ausgeharrt, bis ihn der Bahnhofsvorsteher fortjagte wie einen Hund.
Keuchend stapfte der Junge weiter. Endlich konnte er Häuser mit schwarzen Schieferdächern ausmachen. Sie duckten sich unterhalb eines gewaltigen Granitbrockens zusammen. Nur die Dorfkirche erhob sich etwas außerhalb auf einem felsigen Hügel.
Sein Herz flatterte wie ein verängstigter Vogel, als er sich dem abgelegenen Bergdorf näherte. Er hörte einzelne Stimmen, dann aufgeregtes Kindergeschrei.
„Die Leute sind verschlossen und hart wie der steinige Boden, den sie bearbeiten“, hatte ihn sein Onkel gewarnt. „Erwarte lieber nichts.“
Kinder unterschiedlichen Alters tobten auf dem matschigen Dorfplatz herum, dass es nach allen Seiten nur so spritzte. Sie spielten „Blindekuh“, kreischten, stoben auseinander, sobald der stämmige Kerl mit den verbundenen Augen auf sie zukam.
Abrupt brach das Geschrei ab. Alle wichen vor dem fremden Jungen zurück. Furcht und Verwunderung spiegelten sich in ihren mit Matsch besprenkelten Gesichtern.
Der Stämmige riss sich das bunte Tuch von den Augen und beäugte ihn kurz. Dann baute er sich breitbeinig vor ihm auf und stemmte die Arme in seine Seiten.
„Wer bist denn du? Was willst?“, bellte er.
Außer dem Stämmigen wagte niemand ihn anzusprechen. Ein Mädchen mit rotblonden Haaren stand abseits, als würde sie nicht dazugehören. Sie musterte ihn mit offener Neugier.
„Balthasar!“
Ein hagerer Mann, Mitte dreißig, eilte auf ihn zu. Über seinem derben Alltagsgewand trug er eine blutige Arbeitsschürze. „Gott sei Dank! Da bist du ja!“
Er griff nach seiner schmalen, verkrampften Kinderhand und zog ihn schleunigst fort.
„Grad jetzt musste die Lise kalben. Bestimmt bist du recht durchgefroren und hungrig.“
Balthasar stolperte neben seinem Onkel her, er konnte kaum Schritt halten. Der Hof, auf den sie zuliefen, unterschied sich nicht von den anderen. Das niedrige Wohnhaus lehnte sich an die Stallungen, als müsste es sich abstützen. Einige Ster Holz lagen aufgeschichtet neben der Eingangstür. Auf dem Misthaufen gackerten scharrend und pickend die Hühner.
Sein Onkel musste den Kopf einziehen, als er die Haustür aufstieß und eintrat. Der Hausgang gähnte leer und dunkel vor ihnen.
„Gertrud!“, rief er, während er seine schmutzige Schürze an einen schlichten Haken hängte. „Er ist da!“
Die rußgeschwärzte Küche war der einzige beheizbare Raum im Haus. Durch die kleinen Fenster fiel trübes Licht.
„Setz dich, Balthasar, und zieh deine nassen Stiefel aus! Gertrud wird dir eine heiße Milch mit Honig machen.“
Die heiße Milch machte der Onkel schließlich selbst, denn die Tante ließ sich nicht blicken. Nach der Abendvesper wurde Balthasar in ein winziges Zimmer unter dem Dach geführt.
„Das war die Kammer von unserem Maxl“, sagte der Onkel feierlich. „Vier Jahre ist das schon her. Gott hab ihn selig.“ Mit einem „Gute Nacht, schlaf gut!“ fiel die Tür hinter ihm zu.
Balthasar war allein.
Er schlurfte müde zum Fenster und blickte lange zum Nachthimmel auf. Kein einziger Stern war zu sehen. Dabei hatte er so gehofft, dass es aufklaren würde. Er hörte seine Mutter, als würde sie neben ihm stehen und ihm ins Ohr flüstern: „Halte nach dem hellsten Stern Ausschau, Balthasar!“
Erst als er begann, vor Kälte zu zittern, kroch er unter die schwere, mit Gänsefedern gefüllte Zudecke.
Von unten polterten Stimmen bis zu ihm hinauf in die Dachkammer.
„Bis Nachricht aus Übersee kommt, das dauert seine Zeit, Gertrud! Ist ja auch ein weiter Weg von hier nach dort.“
„Über zehn Jahre ist es schon her, dass sein Vater nach Amerika zurück ist. Glaubst du wirklich, dass der noch was von seinem Kind wissen will? Lange bleibt der Bub von deiner Schwester nicht auf unserem Hof!“
Die Frauenstimme klang zornig.
Balthasar drückte die eiskalten Hände an seine Ohren, so fest er nur konnte, und rollte sich unter der schweren Zudecke zusammen. Tränen liefen über seine Wangen. Sein Onkel wollte ihn also auch nicht.
Dennoch heftete er sich an dessen Fersen, folgte ihm überall hin und half bei der Arbeit, so gut er konnte. Der Onkel war freundlich zu ihm und erklärte ihm alles. Gertrud hingegen sprach kaum ein Wort mit ihm. Höchstens: „Iss!“ oder „Wasch dich!“, „Geh zu Bett!“, „Geh mir aus dem Weg!“
Im Stillen gab er ihr den Namen „Vogelnest“, weil sie diese kreisrund geflochtene Frisur trug. In der Stadt hatten die Frauen keine Vogelnester auf ihren Köpfen.
Bevor die Abenddämmerung kam, schickte ihn das „Vogelnest“ zur Nachbarin, um Wolle zu holen. Er hatte sich kaum vom Hof entfernt, als er von den Dorfkindern umringt wurde.
„Bankert, Bankert!“, schrien sie hämisch. „Du bist ein Ami-Bankert!“
… wie diese Geschichte weitergeht, erfahren Sie in dem Buch
Manche Geschichten sind dermaßen unglaublich, dass man denkt, sie könnten nicht wahr sein. Aber dies ist eine wahre Geschichte. Es ist die Geschichte meiner Großeltern Kurt und Anni.
Opa Kurt ist mittlerweile sechsundachtzig Jahre alt und Omi Anni wird bald siebenundsiebzig. Kurt ist emeritierter Professor für Chirurgie, Anni war früher Krankenschwester.
Ja, die Zeiten ändern sich und doch wieder nicht. In dem Jahr bevor sie heirateten, es war 1949, bedienten sie sämtliche Klischees, die man aus Arztromanen kennt: Junger Arzt, noch nicht ganz dreißig und am Beginn einer großen medizinischen Karriere, verliebt sich in die blutjunge, wunderschöne Schwester, die ihn während der vielen OPs mit ihren großen blauen Augen über den Mundschutz hinweg immer und immer wieder schüchtern anschaut.
Sie heirateten und bekamen vier Kinder: Olaf, Susanne (meine Mutter), Gabriele und Monika.
Die Jahre gingen ins Land, mein Großvater wurde ein angesehener Arzt und Anniomi, so nennen wir Enkelkinder sie, managte ihre vielköpfige Familie und das gesellschaftliche Leben. Sie führte ein großes Haus, in dem mit vielen Besuchern oft diskutiert und gelesen, gegessen und gefeiert wurde. Alle Kinder erlernten Instrumente, und jedes Jahr zu Ostern war Hausmusikabend, an dem Opa am Klavier saß und mit seinen vier Kindern für die Kinder vom katholischen Waisenhaus spielte. Am Dienstag darauf haute er das Geld, das die anwesenden Gäste aus der Klinik und dem Freundeskreis gespendet hatten, mit den Waisenkindern im nächsten Kaufhaus auf den Kopf.
Aber dann kam der Tag, an dem das letzte Kind das Haus verließ. Kaum hatten Kurt und Anni Silberhochzeit gefeiert, ging auch Monika, das Küken. Anni war noch keine fünfzig Jahre alt und musste sich nach neuen Aufgaben umsehen. Sie engagierte sich für Obdachlose, half bei der Ausländerintegration in einigen Grundschulen und übernahm Besuchsdienste in der Gemeinde, in der sie schon getauft wurde, zur Kommunion gegangen war und in der sie Kurt geheiratet hatte.
Und ganz nebenbei verliebte sie sich unsterblich.
„Es war bei Frau Jung“, so berichtete sie meiner Mutter Jahre später bei einer Tasse Tee, „du weißt doch, die MS hatte. Plötzlich stand er da. Ihr Sohn. Matthias Jung.“
Ja, da stand er. Meine Großmutter stand ebenfalls – und zwar lichterloh in Flammen. Matthias Jung war von Anni ebenso fasziniert wie sie von ihm, und sie begannen eine leidenschaftliche Affäre. Nach wenigen Wochen entschied sich Anni, Kurt zu verlassen. Wohl haderte sie mit ihrem Schicksal, welches sie derart ins Schleudern gebracht hatte, aber Anniomi war wild vor Liebe und wild entschlossen, nun, da sie Kurt ihr halbes Leben lang zur Seite gestanden und für Klinik, Kinder und Kirche geschuftet und vieles entbehrt hatte, eine neues Leben zu beginnen und ihre Bedürfnisse neu zu überdenken. Anni begann zu packen.
Doch Matthias starb, plötzlich und unerwartet, wenige Tage vor ihrem geplanten Auszug, an einem Gehirnschlag, kaum dass ihre Liebe im Begriff war, die Familie zu entzweien.
Anni war am Boden zerstört.
Opa Kurt nahm seine unglückliche Ehefrau verzeihend in seine Arme und versuchte sie zu trösten. Ohne nennenswerten Erfolg. Anni wurde von Tag zu Tag kratzbürstiger, übellauniger und böser. Kurt wurde das nach einiger Zeit zu viel und er verschwand immer häufiger im Spital, um dort seine Ruhe und Erfüllung zu finden.
Die nächsten Jahre waren für Kurt und Anni die Ehehölle auf Erden.
„Ich habe ihr immer und wieder geraten zu gehen“, sagte meine Mutter. „Sie war an Kurts Seite nicht mehr glücklich. Matthias Jung hatte ihr das Herz gebrochen. Sie konnte nicht mehr lieben. Und diese Wunde wollte einfach nicht heilen.“
„Aber sie blieb bei Opa.“
„Ja, sie blieb und machte ihm das Leben schwer.“
„Und Kurt blieb bei Anniomi und machte ihr das Leben schwer.“
So war es. Und als sich Kurt aus dem klinischen Berufsleben zurückzog, wurde es noch schlimmer, weil er nun den ganzen Tag zu Hause war.
Irgendwann stand ein großes Fest an, ihre goldene Hochzeit. Sie feierten sie trotz allem, mit allem Pomp und Schick.
„Ist schließlich eine Leistung, fünfzig Jahre gemeinsam durchs Leben zu gehen“, erwiderte Kurt matt auf die Frage meines Onkels Olaf, weshalb denn so groß gefeiert werden musste. An die hundert Leute gingen damals durch die große Eingangshalle.
In jenen Tagen bemerkten wir zum ersten Mal, dass Anniomi manche Dinge schnell wieder vergaß oder sich Sachen, die sie sonst wie ein Computer in ihrem Hirn abspeicherte, einfach nicht mehr merken konnte. Sie wunderte sich darüber, dass so viele Leute im Haus waren und Geschenke abgaben. Sie vergaß sogar, dass sie sich extra ein Kleid für das Fest hatte schneidern lassen.
Am Abend ihrer goldenen Hochzeit war Anni ungewöhnlich still und in sich gekehrt. Sie wurde, so gestand sie meiner Mutter einige Tage später, sich ihres immer häufiger auftretenden verwirrten Zustandes bewusst.
Nach der Champignoncremesuppe traf sie eine wichtige Entscheidung. Anni beschloss, ins Altenheim überzusiedeln. Was Kurt nicht besonders witzig fand.
… wie diese Geschichte weitergeht, erfahren Sie in dem Buch
Drei Tage schneite es nun schon. Auf den Giebeln, Dächern, Zäunen und Straßenlaternen wuchsen weiße Schneehauben.
Die Kinder Anna, Max und Julian tanzten vor Freude um ihren Schneemann.
Max wischte sich den Schnee aus dem Gesicht. Seine Wangen glühten, er schniefte laut durch die Nase.
„Du, Julian, glaubst du an Engel?“
„Nöö – du etwa?“ Julian sah dabei verstohlen zum Himmel.
Anna hatte der Unterhaltung gelauscht. „Ich glaube es auch nicht, habe jedenfalls noch keine gesehen“, meinte sie kleinlaut.
Das Schneegestöber wurde heftiger, doch Max, Anna und Julian bemerkten es gar nicht. Sie tanzten voller Übermut um ihren Schneemann.
„Aber meine Mutter hat mir erzählt, dass drei Engel den Heiligen Christ in der Nacht vor dem Heiligen Abend zur Erde bringen“, sagte Max trotzig.
Julian sah ihn mit großen Augen an. „Aber, Max, denk doch nur, bei dem Schnee und der Kälte, die würden ja erfrieren in ihren dünnen, weißen Hemdchen“, er schüttelte den Kopf.
„Mein Vater sagt auch immer Engelchen zu mir!“, juchzte Anna. „Er streicht mir über mein Haar, gibt mir einen Gutenachtkuss und sagt schlaf gut, mein Engelchen.“
Es wurde langsam dunkel, die Laternen gingen an. Vom Haus klangen Töne eines Weihnachtsliedes herüber.
Schweren Herzens verabschiedeten sich die Kinder von ihrem Schneemann und verabredeten sich zum morgigen Kirchgang. Hastig flogen noch ein paar Schneebälle hin und her, bevor sie sich auf den Heimweg machten.
Max konnte lange nicht einschlafen, die Sache mit den Engeln ging ihm durch den Kopf. Er warf sich voller Unruhe von einer Seite auf die andere, selbst im Traum erschienen ihm große, weiße Flügel, die unter der Last des Schnees abzubrechen drohten.
Am nächsten Morgen stand sein Entschluss fest. Er sprang aus dem Bett, rannte in den Flur, nahm seinen knallroten Schal, die rote Mütze und die Handschuhe von der Garderobe. Er suchte eine schöne, goldene Schleife, wickelte das Ganze in Packpapier und schrieb mit großen Buchstaben – FÜR EINEN ENGEL – darauf. Dann schlich er ins Treppenhaus, öffnete einen Spalt das Fenster und sah hinaus. Es war alles noch dunkel und still. Er legte das Päckchen vor das geöffnete Fenster. „So, damit du nicht erfrieren musst“, flüsterte er ganz leise.
Am Heiligen Abend, noch vor der Bescherung, fand, wie jedes Jahr, der Kirchgang statt. Es schneite noch immer dicke Flocken. Im Schein der Laterne sah der Schneemann mit dem weißen Häubchen auf seinem Hut noch größer, imposanter aus.
„Max, es schneit, setze bitte deine Mütze auf, Schal um und dann los, sonst fängt die Weihnachtspredigt ohne uns an!“, rief die Mutter aus dem Flur.
„Ach, ich kann die Mütze im Moment nicht finden, ich schlage den Kragen hoch“, brummte Max, raste aus der Tür und sprang zwei Treppenstufen auf einmal hinunter.
Es war ihm nicht entgangen, dass sein Päckchen nicht mehr am offenen Fenster lag. Das Fenster war jetzt geschlossen. Ein wohliges Gefühl durchströmte ihn, machte ihn glücklich bei dem Gedanken an den Engel, der jetzt nicht erfrieren musste.
***
Wie diese Geschichte weitergeht, erfährst du in dem Buch
Zu jedem Adventskalendertürchen gibt es eine weihnachtliche Rätselfrage und an jedem Tag gibt es ein Buch und eine Weihnachtsgeschichten-Hörbuch-CD zu gewinnen. Das sind zwar nur kleine Gewinne, aber alleine das Mitraten macht schon Spaß. Und die Gewinnchancen sind allemal viel, viel größer als beim Lotto.
Die Frau starrte seit vierzig Minuten die Weihnachtskrippe auf der Kuchentheke an, während das Stück Sahnetorte auf ihrem Teller langsam trocknete. Gelegentlich zog sie graue Luft aus einer Zigarette. Egal, wie geduldig er zu ihr hinübersah, er konnte ihren Blick nicht auffangen.
Das Einkaufszentrum war eine gleißende Insel mitten im Rauschen des Berufsverkehrs. Paul Kiewitz saß in der Eingangshalle im Café Bali und staunte. Seit er nur noch Teilzeit arbeitete, entdeckte er ganz neue Dinge in seiner Welt. Bisher waren seine Tage im Büro gefangen gewesen und die knappen Feierabende hatte er dankbar mit seiner Frau auf dem Sofa oder im Garten verbracht. Sicher, sie waren auch mal bummeln gegangen, waren Hand in Hand durch weiche Sommernächte geschlendert und hatten in erleuchtete Schaufensterscheiben geblickt, ohne ernst zu nehmen, was dahinter lag. Jetzt, da seine Rente immer näher rückte, hatte er zum ersten Mal Zeit, nur mittendrin zu sitzen und zu beobachten, was der Alltag durch die Stadt spülte.
Genau genommen war es nicht der Alltag. In dreieinhalb Wochen war Weihnachten, darum huschte die doppelte Menge Menschen durch die Läden. Schwere goldfarbene Kugelketten und erschreckend riesige rote Samtschleifen schmückten Deckengewölbe und Eingangstüren. Wer nicht aufpasste, stieß gegen einen der Weihnachtsbäume, die so zahlreich herumstanden. Doch die Stimmung war erwartungsvoll. Die Kinder zeigten lachend und aufgeregt auf den Teddy, der in einer liebevoll dekorierten künstlichen Schneelandschaft schlief. Die Erwachsenen zeterten nicht wie sonst, wenn sie sich im Gedränge anrempelten, sondern lächelten sich entschuldigend zu. Mit ihren schweren Tüten gingen sie sorgfältig um, da sie darin die Freude trugen, die sie jemandem machen würden.
Völlig anders, stellte Paul fest, war es im Café Bali, obwohl keine Wände es von den fröhlichen Einkäufern trennten. Deren geschäftiger Strom floss zu beiden Seiten an den sauber gedeckten Tischen vorbei, die mitten in der Halle unter drei riesigen Palmen standen. Die geschwungenen Stämme der Palmen waren eng mit zarten Lichterketten umwickelt. Darüber spannte sich ein Glasdach, auf dem die Abenddämmerung lag. Ein schöner Anblick, fand Paul, und auch einige Vorübereilende hielten einen Augenblick inne und blickten andächtig nach oben.
Nicht aber die weißhaarige Frau mit dem angetrockneten Tortenstück. Und auch die meisten anderen Gäste nicht, die an den Tischen saßen wie gefroren. Sie wirkten, als rührten sie ratlose Zeit und klebrige Einsamkeit in ihren Kaffee in der Hoffnung, sie würden darin verschwinden. Viele saßen allein am Tisch, Männer und Frauen jeden Alters. Manche waren auch mit Bekannten da, doch die Männer warfen sich ihr Schweigen gegenseitig zu, während das Kichern der Frauen sich über ihre Traurigkeit legte wie Parfüm über Schweißgeruch. Ein Weihnachtsglänzen war in keinem Auge zu entdecken.
Paul schüttelte den Kopf; es berührte ihn gespenstisch. Dabei war die Zimt-Quark-Torte ausgesprochen lecker. Ebenso der alkoholfreie Cocktail mit der pfiffigen Sterndekoration aus Früchten.
Auf die engelsgleiche Verkäuferin mit der glitzernden Weihnachtszipfelmütze schien die Stimmung ihrer Gäste abgefärbt zu haben. Vielleicht war sie auch nur erschöpft. Der mürrische Ausdruck, mit dem sie Espresso servierte, widersprach ihrer Verkleidung. Das Namensschild auf ihrer Bluse erzählte, dass sie Christina hieß. „Immerhin“, dachte Paul, „passt doch!“
„Bringen Sie mir bitte die Rechnung“, bat er und schenkte ihr sein bestes Lächeln. „Und schreiben Sie bitte den Kaffee und die Torte mit darauf, die die weißhaarige Frau an dem Tisch neben der Kuchentheke hatte. Aber sagen Sie ihr keinesfalls, wer das bezahlt hat.“
„Wieso?“ In Christinas Augen wachte zum ersten Mal Interesse an etwas auf. „Kennen Sie sie?“
… wie diese gefühlvolle Weihnachtsgeschichte weitergeht, erfährst du demnächst …
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Die Geschichte wurde veröffentlicht in dem Buch
Ich denke kulinarisch aus
mir einen Weihnachts-„Leseschmaus“
und mach Notizen mir dafür.
Die kritzel ich auf Backpapier.
Ich muss Riesenberge backen.
Das Fest sitzt mir bereits im Nacken.
Es ist Advent, sogar der dritte.
Das Plätzchenbacken ist da Sitte.
Während ich den Teig anrühre
und Gedanken mir notiere,
backen schon, dank Mondamin,
die ersten Kekse vor sich hin.
Ich such auf „Truthahn“ einen Reim.
Nichts Gescheites fällt mir ein,
und für Weihnachts-Festgericht
finde ich das Versmaß nicht.
Mir raucht der Kopf, und es dringt auch
aus dem Backrohr dunkler Rauch.
Am Backblech wohl die Kipferl brennen,
und ich muss schnell zum Ofen rennen.
…
wie dieses lange lustige Weihnachtsgedicht weitergeht, erfährst Du demnächst …
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Das Gedicht ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.
Das Gedicht wurde veröffentlicht in dem Buch
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Weihnachtsbuchtipps:
Für alle, die noch nicht wissen, welches Buch sie zu Weihnachten verschenken oder selbst lesen sollen, hat die Autorin Patricia Koelle eine total verrückte Geschichte geschrieben. Wer den Links folgt, wird rasch feststellen, dass die Geschichte aus lauter Buchtiteln zusammengebastelt ist. Da ist garantiert für jeden Geschmack etwas dabei.
„Während der Reise durch das All hat Pauls Seele die Umrisse einer menschlichen Gestalt angenommen. Klein, zart und fast durchsichtig, Laura. Menschen würden ihn vielleicht für ein Lichtspiel halten. Engel können die Gestalt eines Menschen annehmen und sich zeigen, wenn es sein muss. Das habe ich dir schon erzählt. Erinnerst du dich?“
Und so geht die Geschichte weiter:
Laura nickt. Sie wünscht sich innbrünstig, irgendwann einmal einen Engel kennenzulernen. Aber das sagt sie nicht.
„Hast du schon mal einen Engel gesehen, Lucas? Wie sieht Mimir denn aus? Ist er auch so schön wie der Bote? Du hast so oft von ihm geträumt. Warum erzählst du mir eigentlich nicht, wie er aussieht?“
„Selbstverständlich hätte ich dir Mimir gern beschrieben, Laura. Klar habe ich den Engel im Traum gesehen. Merkwürdig ist es schon. Ich kann mich an die Träume erinnern, aber an Mimirs Aussehen nicht. Vielleicht im nächsten Traum. Dann werde ich dir alles haarklein berichten, einverstanden?“
Lucas schaut auf die Packung mit den Lebkuchen.
„Die Domino-Steine schmecken dir aber gut, Laura. Meinst du, ich kann wenigstens einen davon haben?“
Laura entschuldigt sich, hält ihrem Bruder die beinahe leere Schachtel hin. Mit ihrem schokoladeverschmierten Mund und den blauen Sternenfunkelaugen sieht sie niedlich aus. So niedlich, dass Lucas sie schnell mal zärtlich drücken muss.
„Jetzt erzähl endlich!“, bittet Laura.
Die Landung
„Heute werden Mimir und Paul die Erde erreichen“, beginnt Lucas.
»… Es sind nur wenige Kilometer, die sie von der Erde trennen. Urplötzlich tost ein kalter Wind durch das All. Lautes Brausen und eisige Kälte reißen Paul aus seinen Träumen.“
„Was ist los, Mimir?“
„Keine Angst, Paul“, beruhigt Mimir die zitternde, kleine Seele. „Wir haben unser Ziel fast erreicht. Sobald der Schwarze Planet hinter uns liegt, landen wir sicher auf der Erde.“
Zwischen all den funkelnden Sternen ist ein großer schwarzer Fleck zu sehen. Mimir macht Paul darauf aufmerksam. „Dort auf dem Schwarzen Planeten ist das Böse zuhause. Ein unvorstellbar böser Geist herrscht dort in undurchdringlicher Finsternis. Er lauert stets auf die Seelen vom Gläsernen Baum. Seltsam, er weiß immer ganz genau, wann eine Seele zur Erde reist. Diese Seele möchte der schreckliche Geist für sich gewinnen. Zuerst probiert er es mit Gewalt. Riesige Schattenmänner versuchen, mit ihrem kräftigen, eisigen Atem die Seele und deren Begleiter zum Schwarzen Planeten zu pusten. Das wird ihnen mit uns nicht gelingen. Viele Engel haben gelernt, solche Angriffe abzuwehren. Auch ich kann sehr gut gegensteuern, Paul. Den nächsten Angriff jedoch kannst nur du allein überstehen. Wunderschöne Bilder vom Schwarzen Planeten wird sein heimtückischer Herrscher dir vorgaukeln. Himmlische Musik, glockenreine Stimmen sollen dich locken. Von alldem darfst du dich nicht beeindrucken lassen. Denn nichts ist so wie es scheint! Erliegst du den Verlockungen, kann ich dir nicht mehr helfen. Dann bist du verloren und deine Botschaft wird ausgetauscht. Du musst für den König der Schattenmänner das Böse zur Erde bringen. Und eines Tages wirst auch du ein Schattenmann sein. Sklave für immer.“
Paul ist sehr aufgeregt. „Wie kann ich mich gegen das Böse wehren, Mimir?“
„Schließe die Augen und halte dir die Ohren zu. Versuche nur an deine Botschaft zu denken!“
Der kalte Wind dreht sich. Ein starker Sog zieht das Körbchen zum Schwarzen Planeten. Paul hält sich genau an Mimirs Rat. Die kleine Seele hört und sieht nichts. Dennoch spürt sie, mit welch großer Kraft Mimir gegen den Sog ankämpfen muss. Sekunden oder Stunden? Paul weiß nicht, wie lange der Kampf der Giganten gedauert hat. Mit einem Male wärmt ein unbeschreibliches Glücksgefühl seine furchtsame Seele. Er nimmt die Hände von den Ohren, traut sich die Augen zu öffnen.
„Wir haben es geschafft, Mimir!“, ruft er glücklich.
„Ja, kleiner Freund, es hat wieder einmal geklappt! Jetzt ist der Weg zur Erde frei. Lange werden wir nicht mehr unterwegs sein.“
„Ist dir schon mal eine Seele verlorengegangen, Mimir?“
„Nein. Doch einige Schwestern und Brüder aus der Schutzengelgemeinschaft haben leider den Kampf gegen den Schattenherrscher verloren. Natürlich sind sie nicht bestraft worden, Paul. Sie haben sich ein Menschenleben lang bemüht, die verlorene Seele zu retten. Manchem Engel ist es gelungen. Nur wenige sind ohne ihre Schutzbefohlenen auf dem Glücklichen Planten wieder angekommen.“
Nachdenklich schaut Paul seinen Engel an. „Warum ist das Gute so weit von der Erde entfernt und das Böse ihr so nah? Kannst du mir das erklären, Mimir?“
„Darüber habe ich immer wieder nachgedacht. Leider kann ich dir diese Frage nicht beantworten, obwohl mein Name Mimir ist. Wie du weißt, Paul, habe ich schon viele Seelen zur Erde begleitet. Erfahrung, nicht Wissen hat mich gelehrt: Das Böse hat es von jeher einfacher und bequemer bei den Menschen als das Gute.“
„Aber jetzt, da wir dagegen gekämpft und gesiegt haben, kann mich das Böse nicht mehr einfangen, Mimir, oder …?“
„Nein, jetzt nicht mehr. Du hast in diesem Kampf dein Gewissen bekommen. Es wird dich durch deine Erdenzeit begleiten und vor dem Bösen bewahren.“
Wenige Augenblicke gleitet das Körbchen noch durch die Nacht. Dann landet es sanft auf einer Weide unweit der großen Stadt am Fluss. Paul staunt über das riesige Häusermeer mit den vielen Lichtern. Fragen über Fragen hat er für Mimir parat.
Doch der Engel ist müde. Er zeigt auf einen halb verfallenen Heuschober: „Dort werden wir heute Nacht bleiben. Morgen mein Kind, morgen beantworte ich all deine Fragen.“«
…
… wie diese zauberhafte Geschichte weitergeht, erfährst du demnächst im Teil 7 der Weihnachtssaga …
Vom Himmel hoch, da kommt sie nicht,
noch nicht mal Geist für ein Gedicht.
Ich verwerfe die Idee.
Draußen rieselt leis der Schnee …
Es ist Advent, und zwar der zweite,
den ich nicht weiter vorbereite.
Heute ist er nämlich dran:
mein Weihnachts-Kriminalroman.
Ich seh bereits vor meinem Auge,
so bildhaft, dass ich’s selbst kaum glaube,
die Leiche (und vorm Mund noch Schaum)
erdrosselt unterm Weihnachtsbaum.
Als er noch lebte, war bekannt
der Exitus als Fabrikant
von Weihnachts-Schokolade.
Jetzt ist er tot, und das ist schade.
Es trauert in dem Weihnachtskrimi
um den Gemahl die Gattin Mimi.
Herr Jünger heißt mein Kommissar.
Der Krimi wird ganz wunderbar!
…
wie dieses lange lustige Weihnachtsgedicht weitergeht, erfährst Du hier im Teil 4 …
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Das Gedicht ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung des Verlags.
Das Gedicht wurde veröffentlicht in dem Buch
Als die letzte Kiste im Wagen verstaut war, atmete ich tief durch. Die Dämmerung brach herein und ein Blick zum Himmel sagte mir, dass es wohl bald schneien würde. Eigentlich hätte ich gleich losfahren müssen, um mein Ziel noch vor Einsetzen des Schneefalls zu erreichen. Peter hatte mir seine Waldhütte zur Verfügung gestellt, wo ich in aller Abgeschiedenheit an der Fertigstellung meines Romans arbeiten wollte. Aber auf einen Bummel über den Weihnachtsmarkt wollte ich auf keinen Fall verzichten. Der war für mich seit Jahren liebgewordene Tradition. An „Martha’s Weihnachtsbackstübchen“ wollte ich ein paar Tüten der leckeren Plätzchen kaufen, ohne die ich mir die Vorweihnachtszeit gar nicht mehr vorstellen kann.
Ich nahm die Abkürzung durch das Färbergässchen, in dem sich die mittelalterlichen Fachwerkhäuser so eng gegenüberstehen, dass man sie an einigen Stellen mit ausgestreckten Armen berühren kann. Das Gässlein war dunkel und menschenleer. Nur hier und dort fiel schwaches Licht aus einem der kleinen schiefen Fenster. Ein buckliges Mütterchen kam mir entgegen, den Blick auf das holprige Pflaster geheftet. Als wir aneinander vorbeigingen, hörte ich sie vor sich hinmurmeln: „Ein Wunder, ein Wunder, ein Wunder …“
Auf der Alten Brücke drängten sich die Menschenmassen. Am mittleren Brückenpfeiler blieb ich eine Weile stehen. Hier bot sich der schönste Blick zum Schlossberg und dem bunten Lichtermeer des Weihnachtsmarktes, der sich zu seinen Füßen ausbreitete.
Mein Bummel über den Weihnachtsmarkt war etwas kürzer als sonst, aber umso intensiver nahm ich Lichter, Farben, Klänge und Gerüche wahr. Zur Stärkung für die bevorstehende Fahrt genehmigte ich mir eine doppelte Portion Reibekuchen mit Apfelmus. Ich war gerade mit dem Essen fertig, da erhob sich ganz in der Nähe weihnachtlicher Gesang. Vor der üppig geschmückten Weihnachtsmarkttanne hatte sich ein Kinderchor aufgestellt. In der Mitte stand eine bildhübsche junge Frau, die wie ein Weihnachtsengel gekleidet war. Ich lauschte dem festlichen Gesang und war hingerissen von der Schönheit des Engels. Mit einem Mal setzte dichter Schneefall ein. Einen Moment lang war das Flockengestöber so stark, dass alles wie hinter einer weißen Wand verborgen lag. Der Gesang verstummte. Als sich die weiße Wand wieder auflöste, waren Chor und Engel verschwunden. Verwundert und verzaubert machte ich mich auf den Weg.
Wegen des starken Schneefalls ging die Fahrt nur im Schritttempo voran. Mehrere Male kam es zu Staus, die sich nur langsam auflösten. Da viele Verkehrsschilder zugeschneit waren, hätte ich fast die Zufahrt verpasst, die zu Peters Waldhütte führte. Es war schon weit nach Mitternacht, als ich endlich ankam. Ich war todmüde, suchte rasch ein paar dicke Decken zusammen und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
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wie die Geschichte weitergeht, erfährst Du demnächst …
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Ein lustiges Weihnachtsgedicht von Engel Bert wurde veröffentlicht in dem Buch
„Ich bin auf dem Weg zum Planeten Erde. Dort habe ich eine wichtige Aufgabe zu erfüllen“, antwortet Paul.
„Was soll denn deine ach so wichtige Aufgabe sein?“
Paul spürt den leichten Spott in dieser Frage sehr wohl. Mit seiner Antwort lässt er sich viel Zeit.
„Na, sag’ schon“, drängelt das Kind.
„Ich soll den Menschen die Liebe bringen“, sagt Paul leise.
„Das ist wirklich keine leichte Aufgabe, Paul. Tut mir leid, dass ich ein bisschen spöttisch war. Weißt du, Paul, vor langer Zeit bin ich vor meiner Liebe davongelaufen. Auf der Erde hoffte ich, eine viel größere, tausendmal schönere Liebe zu finden. Trost oder gar Freunde habe ich in der Menschenwelt nicht bekommen. Niemand hat mich beachtet. Außerdem habe ich nicht ein einziges Mal erlebt, dass irgendjemand für irgendwen etwas aus Liebe getan hat. Halt! Stimmt nicht ganz. In einem Sandmeer habe ich doch noch einen netten Menschen kennengelernt. Wir sind beinahe Freunde geworden. Antoine hat mir klargemacht, dass ich meine Liebe nicht alleinlassen darf.“
Vor einer dunkelroten Rose unter einem Glassturz bleiben die Jungen stehen. Das fremde Kind zeigt auf die Rose. „Das ist meine Liebe. Lange Zeit bin ich mit ihrer hochmütigen Art nicht zurechtgekommen. Über ihre Worte habe ich mich oft geärgert. Jedoch ihr Tun nicht verstanden. Heute weiß ich, dass meine Rose immer etwas für mich tut: Sie blüht das ganze Jahr nur für mich. Wir teilen uns gern die Freude, die sie uns damit bereitet.“
In Gedanken versunken schauen die Kinder auf die herrliche Rose. Mimirs Rufen hören sie nicht. Sie bemerken den Engel erst, als er hinter ihnen steht und Paul an die Reise erinnert. Mimir und Paul bedanken sich für die Gastfreundschaft.
Traurig und noch ein wenig blasser sieht der einsame Junge mit einem Male aus. Seine Mundwinkel zucken leicht, als er sagt: „Schade, wir hätten Freunde sein können. Versprich mir zurückzukommen. Spätestens wenn deine Erdenzeit vorüber ist. Der Weg zum Glücklichen Planeten führt durch meine Welt. Denke immer daran!“
Ein erster Abschied. Paul hat etwas gelernt. Er weiß nun, was Traurigkeit bedeutet. Lange winkt er dem einsamen Jungen zu. So lange, bis nur noch der im Wind flatternde gelbe Schal zu sehen ist.
Paul wird müde. Er kuschelt sich ins Körbchen. Nach kurzer Zeit ist er eingeschlafen. Er spürt nicht, dass die Fahrt zur Erde immer mehr Tempo bekommt.«
„Meinst du, er sieht seinen neuen Freund jemals wieder?“, fragt Laura.
„Ich denke schon. Später! Auf dem Weg zum Glücklichen Planeten wird Paul sich an den Asteroiden und den einsamen Jungen erinnern“, antwortet Lucas.
„Hallo, ihr zwei! Habt ihr Lust, mit in die Stadt zu fahren?“ Mit diesen Worten öffnet Mama die Tür. „Ich habe einiges zu tun. In diesem Jahr möchte ich die Weihnachtsvorbereitungen nämlich nicht in letzter Minute erledigen. An meiner Schule muss ich auch noch nach dem Rechten sehen. Danach möchte ich gern mit euch einen Bummel über den Weihnachtsmarkt machen. Wir waren eigentlich schon lange nicht mehr zusammen unterwegs.“
„Hm. Wie lange gibt es den Weihnachtsmarkt noch, Mama?“
Caroline lächelt. Sie kennt ihre kleine Tochter. Lauras „Hm-Antworten“ bedeuten fast immer „Nein“. So auch jetzt.
Laura räuspert sich, streichelt schnell mal über Mamas Hand und sagt: „Wir würden gern mitfahren. Aber weißt du, Mama: Lucas erzählt mir gerade so wunderschöne Traumgeschichten. Und außerdem ist es uns heute draußen viel zu kalt. Wir gehen nächste Woche mit dir zum Weihnachtsmarkt. Mir ist so gemütlich heute vor dem Kamin. Bist du uns jetzt böse, Mama?“
Caroline schüttelt den Kopf und meint: „Das müssen wohl sehr spannende Erzählungen sein. Schreibe sie doch auf, Lucas! In den Ferien möchte ich sie gern lesen, OK?“
„Klar, mach ich echt gerne!“, sagt der Junge erfreut. „Und du bist wirklich nicht sauer auf uns, Mama?“
Caroline lacht. „Sauer? Auf keinen Fall! Seit einer Ewigkeit war ich nicht mehr allein in der Stadt. Oh, ich werde meine Freizeit genießen!“, sagt sie augenzwinkernd. „Nein, nein, meine Untreuen. Bis zum Abendbrot bin ich zurück. Die Domino-Steine dort auf dem Tischchen sind für euch. Also dann, tschüss, ihr Träumer! Ach, Lucas, bitte vergiss die Schachpartie mit Opa nicht!“
„Bestimmt nicht. Danke, Mama!“
Laura setzt sich in Zuhör-Pose.
„Du, Lucas, können die Menschen Paul und Mimir sehen?“
„Während der Reise durch das All hat Pauls Seele die Umrisse einer menschlichen Gestalt angenommen. Klein, zart und fast durchsichtig, Laura. Menschen würden ihn vielleicht für ein Lichtspiel halten. Engel können die Gestalt eines Menschen annehmen und sich zeigen, wenn es sein muss. Das habe ich dir schon erzählt. Erinnerst du dich?“
Es war einer dieser besonderen Wintertage, an denen die Schneeflocken wie winzige Engelchen sanft zu Boden schweben und dort zu einer weißen Decke verschmelzen. Großvater lag in der Stube auf der Kachelofenbank und ließ sich vom Spiel der Flocken verzaubern. Ein wunderbarer Duft von Zimt und Vanille verriet, dass in der Küche Plätzchen gebacken wurden. Die liebevoll mit Tannenzweigen geschmückten Ecken und Nischen und zauberhafte Klänge aus dem Radio kündigten an, dass Weihnachten vor der Türe stand.
Am Stubentisch saß der kleine Franzi und beobachtete traurig die Kinder, die draußen mit ihren Schlitten den Hügel hinuntersausten, während sich Hirtenhund Benno an seine Knie kuschelte. Ihr freudiges Lachen konnte man bis in die Hütte hinein hören. Gestern hatte er noch mit ihnen gespielt, bis der große Streit ausgebrochen und er heimgegangen war. Über Nacht hatte er starken Schnupfen bekommen, deshalb hatte ihm seine Mutter verboten, heute in den kalten Tag hinauszugehen.
Vor ihm lagen ein leeres Blatt Papier und ein Füllfederhalter. Er wollte dem Christkind von dem Streit schreiben, der sein Herz bedrückte. Den Rat, seine Probleme niederzuschreiben, wenn er mit niemandem darüber reden wollte, hatte ihm sein Großvater gegeben. „Geschriebene Worte erleichtern die Seele ebenso wie gesprochene Worte“, das war eine seiner vielen Weisheiten.
Behutsam setzte Franzi zum Schreiben an. Er füllte die Zeilen – Wort für Wort –, wobei er immer wieder innehielt und traurige Blicke zum Großvater warf. Großvater war sein bester Freund, ihm hatte er bis jetzt alles anvertraut. Er hatte stets die besten Ratschläge und konnte ihm aus jeder noch so großen Notlage helfen. Franzi brauchte nur daran zu denken, wie sein Hund Benno voriges Jahr verschwunden war. Tag für Tag war der alte Mann mit ihm hinausgegangen, um den Hund zu suchen. Gemeinsam hatten sie die umliegenden Wälder durchforstet und alle Jäger angerufen. Es war Großvaters Idee, die Suchplakate zu schreiben und im ganzen Dorf auszuhängen, auf die sich eine alte Frau meldete, der Benno zugelaufen war. Großvater war einfach der Beste. Auch als die Klassenlehrerin Franzi drohte, ihn in Deutsch durchfallen zu lassen, war auf Großvater Verlass. Ihm fiel sofort der Sohn eines Freundes ein, der Lehrer war und Franzi Nachhilfeunterricht gab. Egal, welches Problem der Junge hatte, sein Großvater fand stets eine Lösung.
Von dem Streit mit den Kindern, der ihn so sehr bedrückte, hatte Franzi nichts erzählt. Obwohl Großvater gefragt hatte, was ihm auf dem Herzen lag, als er gestern nach Hause gekommen war, konnte er nicht darüber reden. Zu groß war seine Angst, Großvater könnte die Worte der anderen Kinder, die so grausam in seinen Ohren klangen, bestätigen. Das würde ihm sein Herz brechen. Als er den Brief fertig hatte, las er seine Worte noch einmal aufmerksam durch:
Liebes Christkind,
ich wünsche mir heuer keine Geschenke. Ich habe nur einen Wunsch.
Gestern war ich Schlitten fahren mit den anderen Kindern. Am Anfang war es sehr lustig. Dann haben wir angefangen, über dich zu reden. Und plötzlich haben wir zu streiten begonnen, weil alle mich ausgelacht haben, weil ich an dich glaube. Sie haben gesagt, dass es dich gar nicht gibt und dass die Geschenke von den Eltern sind. Und dass nur kleine Babys an dich glauben.
Weißt du, das mit den Geschenken ist mir eigentlich egal, wenn die von den Eltern wären. Aber der Gedanke, dass es dich vielleicht gar nicht gibt, tut mir sehr weh.
Mein größter Wunsch zu Weihnachten ist ein Zeichen von dir, dass es dich gibt. Bitte, bitte melde dich irgendwie.
Liebe Grüße,
dein Franzi
Er faltete das Blatt sorgfältig zusammen, bevor er es unter das Trittbrett vor der Haustür legte. Großvater hatte ihm vor einigen Jahren verraten, dass das Christkind die Wunschzettel dort am schnellsten fand. Seitdem legte er sie immer dort hin. Heuer war er spät dran, es waren nur noch drei Tage bis zum Heiligen Abend. Hoffentlich würde das Christkind es bis dahin schaffen, seinen Zettel abzuholen und ihm ein Zeichen zu senden.
… wie diese Geschichte weitergeht, erfährst Du in der nächsten Folge …
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Die Geschichte erschien in dem Buch
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So endete Teil 3 der Weihnachtssaga: Lucas legt das Buch aus der Hand. Für einen Augenblick schließt er die Augen. Nach wenigen Sekunden ist seine Traumgeschichte gegenwärtig. Mit leiser Stimme beginnt er zu erzählen.
… und so geht die Geschichte weiter:
»… Paul umklammert mit beiden Händen den Körbchenrand. Mimir streicht dem Jungen übers Haar. Sofort vergisst Paul seine Angst. Die Aufregung nicht. Zu viele neue Eindrücke stürmen in sein Bewusstsein. Staunend sieht er sich um. Die leuchtenden Sterne scheinen zum Greifen nah.
„Wunderschön, nicht wahr, Paul?“ Mimir macht seinen Schützling auf die Sternzeichen aufmerksam.
Die kleine Seele möchte nun alles über das Universum erfahren.
Geduldig beantwortet Mimir Pauls Fragen. „Nein, du bist nicht die erste Seele, die ich begleite. Den Weg durch die Milchstraße kenne ich gut. Langweilig waren meine Reisen nie. An den Sternen habe ich nach wie vor Freude. Möchtest du mehr über unsere Reiseroute und die Sterne erfahren, Paul?“
Paul nickt. Er macht es sich im Korb gemütlich und lauscht Mimirs Worten.
„Milchstraßen werden Galaxien genannt. In den Galaxien gibt es etwa eine Billion Sterne. Im All gibt es ungefähr zehn Millionen Galaxien. Die Milchstraße, durch die wir gerade fliegen, gehört zum Planeten Erde. Das für die Erde wichtige Sonnensystem ist ein Teil dieser Milchstraße. Um die Sonne kreisen in einer inneren und einer äußeren Bahn kleinere Planeten. Zu ihnen zählt die Venus, von den Menschen mal Abendstern, mal Morgenstern genannt. Die Erde, zu der wir jetzt unterwegs sind, ist der drittnächste Planet zur Sonne – 149,6 Millionen Kilometer von ihr entfernt.“
Nur noch die Sterne hören Mimir zu. Paul ist eingeschlafen. Mit Zahlen und Systemen kann er noch nicht viel anfangen.
Auch Mimir wird ein wenig müde. Viel Schlaf brauchen Engel nicht. Ein paar Sekunden nur.
Heute schläft Mimir einen Augenblick zu lange. Das Zischen vorbeisausender Meteoriten schreckt ihn auf. Mimir reagiert blitzschnell. Kraftvoll und geschickt lenkt er das Körbchen durch den Sternschnuppenschwarm. Weder er noch Paul werden von den heißen Steinbrocken getroffen. Die kleine Seele hat den Beinahe-Unfall glücklicherweise verschlafen. Sie wacht erst auf, als sich die Fahrt des Körbchens verlangsamt. Ohne Probleme landen Mimir und Paul auf einem scheinbar unbewohnten, sehr, sehr kleinen Planeten.«
Der einsame Junge
Laura zeigt auf das kleine Buch auf dem Kamintisch. „Hach, ich weiß, wo Paul und Mimir gelandet sind!“
Lucas nickt und fährt mit seiner Erzählung fort …
»… „Dürfen wir denn diesen Planeten betreten?“, fragt Paul.
„Ich denke schon“, erwidert Mimir. „Während meines letzten Aufenthaltes habe ich hier niemanden angetroffen. Nur eine dunkelrote Rose unter einem Glassturz. Ich habe versucht, mit ihr zu reden. Aber sie hat mich nicht beachtet. So konnte ich leider nichts über diese kleine Welt erfahren.“
„Vielleicht ist heute jemand da“, sagt Paul hoffnungsvoll und klettert vorsichtig aus seinem Körbchen.
Zum ersten Male verlässt Paul sein Reisegefährt. Das Gehen bereitet ihm keine Schwierigkeiten.
„Mimir! Hier ist ein Loch in der Erde“, ruft er.
„Das ist kein Loch, sondern der Krater eines erloschenen Vulkans“, sagt eine helle, zarte Stimme plötzlich.
Erschrocken dreht Paul sich um. Ein kleiner Junge, etwa in der Körpergröße eines Zehnjährigen, steht vor ihm.
Der Junge hat ein blasses, sehr hübsches Gesicht. Seine hellblonden Haare sind ziemlich lang. Um den Hals hat er sich einen gelben Schal gewickelt. Sein grünes Gewand fällt bis zu den Füßen. Schuhe benötigt er wohl nicht. Der Boden des kleinen Planeten ist ziemlich warm.
„Ich habe euch zwar nicht eingeladen, heiße euch aber dennoch in meiner Welt herzlich willkommen“, sagt er leise und gibt zuerst Mimir und dann Paul die Hand. Eine leichte Röte der Freude überzieht sein blasses Gesicht. Mit einladender Geste bittet er die Fremden näherzukommen.
„Schaut euch nur alles an! Das ist meine kleine Welt.“
Der fremde Junge zeigt auf zwei tätige Vulkane. „Es ist sehr wichtig, sie jeden Tag zu kehren; dann brennen sie immer sanft und regelmäßig. Auch den erloschenen Vulkan fege ich immer gründlich aus – man weiß ja nie.“
Sein kleines Gesicht bekommt bei diesen Erklärungen einen wirklich wichtigen Ausdruck.
„Möchtest du dich ein wenig ausruhen, Mimir? Leider habe ich nur einen Stuhl. Du kannst gerne darauf Platz nehmen“, sagt der Kleine. „Paul und ich wollen einen Spaziergang machen. Du kannst dir in der Zeit einige Sonnenuntergänge ansehen. Natürlich nur, wenn du möchtest, Mimir. Weißt du, Engel, wenn ich traurig bin, sehe ich mir gleich mehrere Sonnenuntergänge an. Dazu verrücke ich den Stuhl nur etwas – und schon sehe ich einen anderen Sonnenuntergang. Auf diese Weise habe ich an einem Tag schon mal dreiundvierzig Sonnenschauspiele erlebt.“
„An diesem Tag musst du sehr, sehr traurig gewesen sein“, vermutet Mimir.
Der Junge erwidert nichts. Er hat immer noch nicht gelernt, direkt auf Fragen und Mutmaßungen Erwachsener zu antworten. Doch manches Mal, wenn die Frage längst vergessen ist, kommt seine Antwort. Leider hört dann aber niemand mehr zu. Erwachsene denken einfach nicht darüber nach, dass Kinder für ihre Antworten viel Zeit brauchen. Erwachsene sind nahezu immer in Zeitnot. Und für die langsame, auf Ehrlichkeit bedachte Denkweise der kleinen Menschen fehlt den meisten die Geduld. Selten hinterfragen die Großen die Antworten der Kleinen. Nur die Wahrheit fragt sich häufig, weshalb man ihr überhaupt einen Namen gegeben hat … Doch darüber will der Junge gar nicht grübeln.
Hand in Hand geht er mit Paul durch sein winziges Reich.
„Welches Ziel hat deine Reise?“
Dämmerung senkte sich über das Dorf. Die Jungen auf der Wiese stoben auseinander und rannten winkend und johlend auf die hell erleuchteten Häuser zu. Nur Detlef blieb zurück. Sein Blick folgte Markus, der den Fußball über seinem Kopf schwenkte. Markus lief auf die Hofeinfahrt zu und tauchte kurz darauf in den Schatten des Fachwerkhauses seiner Eltern ein.
Seufzend bohrte Detlef die rechte Schuhspitze ins Gras. Die Worte seiner Mutter gingen ihm durch den Kopf. „Nein, Detlef“, hatte sie ihm am Morgen zum wiederholten Male gesagt. „Ich kann dir nicht versprechen, dass der Weihnachtsmann dir einen Fußball bringt. Es ist besser, du versteifst dich nicht zu sehr darauf. Sieh mal … du bist doch noch viel zu klein mit deinen sechs Jahren. Die anderen Jungen nehmen dir den Ball nur weg … und dann bist du traurig. Und was ist, wenn sie ihn kaputt machen?“
„Ich passe ganz doll auf“, hatte er geantwortet, aber seine Mutter seufzte nur und schüttelte den Kopf.
„Keinen Ball werde ich bekommen“, dachte Detlef und zog den Schnupfen hoch, dann drehte er sich langsam um und trottete durch das zertrampelte Gras auf das helle Fenster des Bauernhauses zu, das ihm vom anderen Ende der Wiese aus zuzurufen schien. Ein Windstoß trieb ihm Kälte in den Rücken. Detlef hob die Nase und schnupperte. In der Luft lag der Geruch von Schnee. Er schob seine Hände in die Jackentaschen und fühlte die kühle Glätte seiner gesammelten Kieselsteine, das Weiche eines zerknüllten Taschentuchs und die rauen Rillen eines rostigen Nagels. Den hatte er erst am Nachmittag auf der Dorfstraße gefunden. Detlef sog die Luft tief ein und seufzte erneut. Sein Fuß stieß gegen einen Stein. Er stolperte. Sein Oberkörper schwankte gefährlich. Erst im letzten Moment gelang es ihm, sich wieder zu fangen.
„Blöder Stein!“, schimpfte er. Er holte mit dem rechten Fuß aus und trat mit voller Wucht dagegen.
Der Stein flog hoch, beschrieb einen Bogen und verschwand hinter den hohen Gräsern, die am Rande eines Grabens wuchsen.
„Aua!“
Detlef zuckte zusammen und blieb wie zur Säule erstarrt stehen. Langsam zog er seine Hände aus den Taschen, schlich gebückt auf den Graben zu und spähte über den Rand. Auf der feuchten Erde saß ein dünner Mann und paffte eine dicke Pfeife. Seine Arme und knochigen Hände lugten aus viel zu kurzen Ärmeln einer schmutziggrauen Jacke. An vielen Stellen konnte Detlef Flicken erkennen. Auch die Hose des Mannes war zu kurz, dazu mit Löchern und Rissen übersät. Die Beine des Mannes waren schwarz vor Dreck.
Detlef rümpfte die Nase, als er den Geruch des Tabaks wahrnahm. „Pfui, es stinkt wie Hölle und Ziegendreck“, dachte er und trat einen Schritt zurück. „Aber was für eine wunderbare Pfeife er hat. So eine habe ich noch nie gesehen.“
Der Fremde sah auf und zwinkerte ihm mit einem Auge zu.
„Du hast aber eine merkwürdige Pfeife“, sagte Detlef und legte den Kopf schief. „Darf ich mir die mal ansehen?“
„Höh, höh, du Knirps“, kicherte der Fremde. „Fragst mich einfach, ob du dir meine Pfeife ansehen kannst. Weißt du eigentlich, wer ich bin?“
Bei diesen Worten erhob sich der Mann, und Detlef kam es vor, als würde vor ihm eine menschliche Birke aus dem Boden wachsen oder ein stangendürrer Riese aufstehen. Im nächsten Moment knickte der Fremde ein, dann schien er zu schrumpfen, und kurz darauf war er nicht größer als Detlefs Vater. Detlef machte große Augen und schnappte nach Luft. Langsam ging er Schritt für Schritt zurück.
„Höh, höh, lauf nicht gleich weg, du kleiner Bangböx.“ Der Fremde griff in seine Jackentasche, hielt plötzlich einen roten Ball in der Hand, warf ihn in die Luft, fing ihn auf und ließ ihn erneut nach oben schnellen. Hoch und runter flog der Ball. Detlef wurde vom Zusehen ganz schwindelig. Auf einmal drehte sich der Ball wie ein Kreisel, dann sah er aus wie ein Ballon, der aufgepustet wird, und Sekunden darauf fiel er mit einem Plumps vor Detlefs Füße.
„Ein Fußball“, dachte Detlef. „Ein richtiger Fußball, auch wenn er rot und nicht weiß und schwarz ist.“ Er spürte, wie sein Herz raste.
… wie diese Geschichte weitergeht, erfährst Du in der nächsten Folge …
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So endete Teil 2 der Weihnachtssaga: „… Mimir löst das Körbchen vom Zweig. Ruhig und sicher bewegt er es vom Gläsernen Baum ins All.
Die Reise beginnt …
Und so geht es nun weiter:
Laura kuschelt sich noch dichter an ihren großen Bruder. „Sicherlich haben die kleinen Sterne wie die Silvesterraketen ausgesehen, die Papa für uns in die Luft gefeuert hat“, glaubt sie.
Bevor Lucas antworten kann, kommt Mama ins Zimmer. „Jetzt ist aber wirklich Bettzeit, ihr Sternengucker!“
„Oooh, bitte Mama! Lucas wollte mir gerade noch ein Sternbild erklären. Es dauert bestimmt nicht lange – oder, Lucas?“
„Höchstens noch zehn Minuten, Mama. Dann sagen wir euch noch Gute Nacht. Laura möchte, dass ich sie heute ins Bett bringe. Einverstanden? Klar achte ich auf gründliches Zähneputzen, Mama!“
Laura hat nicht die Unwahrheit gesagt. Andächtig schaut sie sich den Großen Bären im Sternkundebuch an.
Nach etwa zehn Minuten sagt Lucas: „So, Schwesterherz. Wir haben es versprochen. Ich bringe dich nun ins Bett.“
„Aber morgen erzählst du mir wieder von Paul und Mimir, ja, Lucas?“
Die Reise
Der starke Wind hat nachgelassen. Es ist kalt geworden. Zu kalt, um draußen zu spielen. Lucas und Laura sitzen wieder in der Bibliothek vor dem Kamin.
„Ich glaube, dass Engel sehr stark sind, Lucas.“
„Weshalb glaubst du das, Laura?“
„Na weil … der Mimir darf doch Pauls Körbchen nicht loslassen. Und du hast gesagt, dass es im Weltraum schrecklich windig ist. Erzählst du mir jetzt von Pauls Reise zur Erde, Lucas?“
„Noch nicht.“
Paul nimmt ein kleines, dünnes Buch aus dem Regal.
„Erinnerst du dich, Laura? Aus diesem Buch habe ich dir schon mal vorgelesen.“
Die Kleine nimmt das Buch in die Hand, betrachtet ausgiebig die Zeichnung auf dem Einband.
„Klar erinnere ich mich, Lucas! Das ist doch die Geschichte von einem Jungen, der in der Wüste einen Mann getroffen hat. Ich mag dieses Märchen beinahe so sehr wie deine Traumgeschichten. Ich habe es nicht vergessen.“
„Niemand sollte diese Geschichte vergessen. Sie ist kein Märchen oder Fantasiegebilde. Den Mann und den Jungen hat es wirklich gegeben. Papa hat mir von dem Mann erzählt. Ein französischer Pilot soll er gewesen sein. Außerdem noch Schriftsteller. Im Jahr 1943 ist er mit seinem Aufklärungsflugzeug über einer Wüste abgeschossen worden. Den Absturz hat er überlebt. Tagelang wartete er auf seine Rettung. In dieser Zeit ist ihm der fremde Junge begegnet. Nach seiner Rettung hat der Mann über sein Erlebnis berichtet. Die Menschen glaubten ihm nicht. ‘Jaja, unser Antoine de Saint-Exupéry’, sagten sie. ‘Jetzt ist wohl die Fantasie mit ihm durchgegangen.’ Sie sagten es freundlich, denn sie liebten Antoines Geschichten sehr.“
Lucas nimmt das Büchlein zur Hand, blättert darin. Er zeigt Laura die Zeichnung vom Planeten 612.
„Dieser Planet ist winzig im Vergleich zu den Planeten, die wir uns gestern angesehen haben. Lange Jahre hat ihn niemand bemerkt. Bis? – Bis ein türkischer Astronom diesen Asteroiden, so werden Stern-Winzlinge genannt, zufällig entdeckte. ‘Zu unbedeutend’, murrte der Mann. ‘Ich werde ihm nur eine Nummer geben. Nur echte Sterne bekommen einen Namen.’ Für unsere Reisenden ist der Asteroid 612 keineswegs unbedeutend. Engel sind tatsächlich sehr stark, Laura. Der Weg zur Erde fordert ihre ganze Kraft. Deshalb müssen die Engel zwischendurch wenigstens eine Pause einlegen. Du kannst dir sicher schon denken, wo die beiden zwischenlanden. Doch davon später.“
Lucas legt das Buch aus der Hand. Für einen Augenblick schließt er die Augen. Nach wenigen Sekunden ist seine Traumgeschichte gegenwärtig. Mit leiser Stimme beginnt er zu erzählen.
So endete Teil 1 der Weihnachtssaga: „… Entsteht auf der Erde ein neues Menschenleben, löst sich ein Körbchen vom Baum. Langsam gleitet die Seele in dem Körbchen durch das All zur Erde. Selbstverständlich wird die kleine Seele nicht schutzlos auf die weite Reise geschickt. Sie wird von ihrem Licht – einem Engel – begleitet.“
Und so geht es nun weiter:
„Schutzengel!“, ruft Laura, „Schutzengel nennt man diese Lichter – hab ich Recht, Lucas?“
„Ja, du hast Recht, Schwesterchen. Und solch ein Schutzengel spielt eine wichtige Rolle in meinen Traumgeschichten. Ich denke, du wirst ihn mögen. Hör gut zu!“
„… Mehr als tausend Jahre schläft die kleine Seele namens Paul nun schon in ihrem Körbchen. Es wird Zeit aufzuwachen.
Sanft rüttelt Engel Mimir Pauls Schulter. „Aufwachen, mein Freund, du hast nun lange genug geschlafen!“
Die kleine Seele streckt und reckt sich. Eigentlich möchte sie nicht wach werden. Sie träumt gerade so schön. Leicht benommen richtet Paul sich auf. Er reibt sich die Augen und blinzelt Mimir an. „Oh hallo, Mimir, da bist du ja! Ist etwas geschehen, warum weckst du mich?“
„Du hast nun schon über tausend Jahre geträumt – heute wird deine große Reise beginnen!“
„Wann geht es denn los? Muss ich alleine zur Erde reisen?“ Paul ist nun sehr aufgeregt und ängstlich.
„Natürlich werde ich dich begleiten, ich werde stets in deiner Nähe sein“, beruhigt Mimir seinen Schützling. „Lange müssen wir nicht mehr auf unsere Abreise warten. Seit einiger Zeit sehe ich ein starkes Licht mit großer Geschwindigkeit auf unseren Planeten zukommen. Es ist der Bote vom Glücklichen Planeten. Sobald er uns die Aufgabe deiner Erdenzeit mitgeteilt hat, können wir den Gläsernen Baum verlassen. Da ist er schon“, sagt Mimir mit ehrfurchtsvoller Stimme, verbeugt sich tief vor der lichten Gestalt. „Willkommen auf unserem Planeten.“
„Seid gegrüßt, Engel Mimir. Ich habe eine Botschaft für die Seele mit dem Namen Paul. Ist sie schon aufgewacht und in der Lage mir zuzuhören?“
Paul bringt vor Anspannung kein Wort heraus. Mit großen Augen starrt er den Boten an. „Ich habe Mimir für schön gehalten“, denkt er, „aber der Bote ist wohl der allerschönste Engel im All.“
Große, blaue, dicht bewimperte Augen, ein dunkles, ebenmäßiges Gesicht und langes, lockiges Silberhaar sehen sehr beeindruckend aus. Der Bote trägt ein goldenes Kleid aus Seide. Es ist über und über mit Diamanten bestickt. Als Paul genau hinschaut, stellt er fest, dass die Stickereien die zwölf Sternzeichen darstellen.
„Ich bin es nur. Wach auf, Paul!“, sagt der Engel freundlich.
Er lächelt Paul an und schaut ihm dabei in die Augen. Sein Blick dringt tief in Pauls Seele. Paul weiß nicht, dass er gerade ein Übermaß an Liebe bekommen hat.
Der schöne Engel hat es eilig. Er muss noch viele Botschaften überbringen. In seinen schmalen Händen hält er eine Papyrusrolle. Behutsam entrollt er sie, liest mit angenehm tiefer Stimme den Text der Botschaft vor: „Paul ist dazu ausersehen, die Liebe, die ihm in reichlichem Maße geschenkt wurde, in seinem Erdenleben weiterzugeben. Seine Erdenzeitbegleiter darf Paul sich selber auswählen. Die Gabe, den Menschen ins Herz schauen zu können, wird ihm helfen, seine Mission zu erfüllen. Hat Paul auch nur wenige Erdlinge von der Liebe überzeugt, ist sein Auftrag ausgeführt. Nach seiner Zeit auf der Erde darf er dann auf dem leichten Weg zum Glücklichen Planeten reisen.“
Würdevoll reicht der Bote Paul die Hand und sagt: „Keine leichte Aufgabe, mein Junge. Doch du wirst sie bewältigen. Ich glaube daran. Mimir wird stets in deiner Nähe sein, dir mit Rat, wenn es sein muss auch mit Tat zur Seite stehen.
Paul möchte gerne etwas sagen. Es gelingt ihm nicht. Er ist viel zu aufgeregt.
Der Bote vernichtet die Rolle; er zerreibt das Papier und tausend winzige Sternchen fliegen ins All.
„Achte gut auf Paul“, wendet sich der Engelsbote an Mimir. „Ich wünsche euch eine gute Reise!“
Schnell fliegt der Bote davon. Paul und Mimir verlieren seine lichte Gestalt bald aus den Augen.
Mimir löst das Körbchen vom Zweig. Ruhig und sicher bewegt er es vom Gläsernen Baum ins All.
In einer richtigen Adventskalendergeschichten-Sammlung dürfen Geschichten aus Patricia Koelles Buch „Der Weihnachtswind“ nicht fehlen.
Deshalb werden auch auf diesem Adventskalendergeschichten-Blog einige Geschichten aus diesem zauberhaften Weihnachtsbuch präsentiert.
Und schon bald wird man die erste hier lesen können.
Adventskalendergeschichte – Antonia Stahn – Die Reise vom gläsernen Baum zum blauen Planeten – Weihnachtssaga – Teil 1
***
Es ist Abend. Auch heute braust ein starker Wind um die alte Villa. Lucas sitzt mit seiner kleinen Schwester Laura in der Fensternische der Bibliothek. Im Kamin prasselt ein gemütliches Feuer. Dennoch haben sich die Kinder in wärmende Decken gehüllt. Lucas erklärt Laura die Sternzeichen. Am heutigen Abend sind sie besonders gut erkennbar. Laura hört aufmerksam zu.
„Und was ist das für ein Stern, Lucas? Er strahlt viel heller als die anderen Sterne.“
„Dieser Stern wird Venus genannt. Manche Menschen nennen ihn auch Abendstern“, antwortet der Bruder.
Zum zwölften Geburtstag hat Lucas von Opa ein Teleskop und ein Buch über das Universum geschenkt bekommen. Bis dahin hatte der Junge sich nicht sonderlich für leuchtende Himmelskörper interessiert. Inzwischen begeistern ihn die Sterne mehr und mehr. Besonders der Abendstern. Über diesen Planeten denkt er häufig nach.
Lucas versucht, mit möglichst einfachen Worten seiner kleinen Schwester die Namen der Venus zu erklären. „Schau, Laura, auf diesem Bild sieht man es sehr deutlich: Die Venus ist der zweite Planet im Kreis um die Sonne. Steht dieser Planet im Osten der Sonne, wird er Abendstern genannt. Wenn er jedoch im Westen der Sonne steht, nennen die Menschen ihn Morgenstern. Weißt du, der Name ist gewissermaßen Ansichtssache: Es kommt nämlich darauf an, von welcher Seite wir uns den Stern ansehen.“
Nachdenklich schaut Laura sich das Bild an.
„Wenn du möchtest, Laura, erzähle ich dir eine Geschichte über unseren Lieblingsstern. Eine Geschichte, die aus meinen Träumen entstanden ist. Mit diesen Träumen werde ich seit dem ersten Adventssonntag jeden Morgen wach.“
„Jaaa“, freut sich Laura. „Ich mag deine Geschichten so sehr. Du weißt doch, Lucas, Traumgeschichten höre ich sowieso am liebsten!“
Erwartungsvoll lehnt sie sich an Lukas und kuschelt sich noch ein wenig tiefer in ihre Decke.
„So wie uns beiden macht es vielen Menschen Freude, den Abendstern zu betrachten“, beginnt Lucas seine Erzählung …
„… Und genau wie wir begreifen die Menschen diese Freude nicht. Die neugeborenen Kinder wissen es. Sie können aber noch nicht sprechen. Daher bewahren sie das Wissen in ihren Träumen. Die Fähigkeit, sich an das Leben vor der Geburt zu erinnern, verliert sich mit dem Älterwerden. Daher weiß bis heute niemand, woher wir kommen und wohin wir gehen werden.
Unsere Vorfahren – die Germanen – haben sich viele Gedanken über die Welt gemacht. Sie glaubten an einen riesigen Baum, den sie Weltesche nannten. Der Sage nach wuchs die Weltesche YGGDRASIL auf dem Planeten Venus.
Mit den Bäumen, die wir kennen, ist dieser Baum nicht zu vergleichen. Sein wuchtiger Stamm, die unzähligen Äste und Zweige, selbst die kräftigen Wurzeln sind aus Kristall. Dieses Kristall glitzert und strahlt so hell, dass wir sein Licht mit bloßem Auge von der Erde aus wahrnehmen können.
An jedem Ast, am kleinsten Zweig hängen winzige gläserne Körbchen. Sie werden durch einen leichten Wind stets sanft geschaukelt.
In jedem Körbchen liegt ein winziges, zartes Wesen. Herrliche Musik, die von einem weit entfernten Planeten herüberklingt, begleitet seine Träume. Der Schlaf der kleinen Wesen dauert meistens tausend Jahre. Tausend Jahre! Unfassbar lange für uns Menschen und doch nur ein Augenblick der Weltallzeit.
Allein sind die kleinen Wesen aber nicht. Jedes hat ein helles Licht an seiner Seite. Dieses Licht kann jede beliebige Form annehmen. Es kann seine Größe verändern. Die Gestalt von Menschen und Tieren annehmen. Seine Leuchtkraft, wenn nötig, grell oder sanft einsetzen.
Manchmal nehmen Menschen ein solches Licht in ihrer Nähe wahr. Sie nennen es Engel …“
„Sehen sie vielleicht wie unsere Weihnachtsengel aus?“, fragt Laura aufgeregt.
„Das weiß ich nicht. Im ersten Traum habe ich nur das Licht gesehen. Nun lass mich bitte weiter erzählen. Träume vergisst man so schnell, weißt du doch Laura.“
„… Also: Die Engel kümmern sich sorgfältig um die winzigen Wesen, die sie liebevoll Seele(n) nennen.
Unter der Weltesche Yggdrasil sprudeln drei Quellen:
Hwegelmir, die Quelle des Urwerdens
Mimirs Quelle, Brunnen der Weisheit und des Wissens
und Urd, Quelle des Schicksals.
Jeden Morgen steigen die Engel zu den Quellen hinunter. Sie füllen einen goldenen Becher mit dem Wasser der drei Quellen. Eine Morgengabe für die kleinen Seelen. Es muss immer die richtige Mischung sein.
Engel unterscheiden sich nicht sonderlich von den Menschen. Ja: Auch Engel machen Fehler! Manchmal mischen sie den Morgentrunk nicht gewissenhaft oder schöpfen das Wasser aus nur einer Quelle. So manch kleines Wesen, das nur Wasser aus der Quelle Urd zu trinken bekam, hatte dann auf der Erde ein schweres Schicksal und sein Schutzengel reichlich Arbeit.
Einige der Wesen schlafen länger als tausend Jahre. Sie bekommen dann nur noch Wasser aus Mimirs Brunnen zu trinken. Daher gibt es immer wieder Menschen, die uns mit ihrem Ideenreichtum, ihren Erfindungen, ihren Anregungen, positiven Phantasien und anderen Dingen Freude bereiten …“
„Kann ich dich etwas fragen, Lucas?“, unterbricht Laura.
„Ja klar, vergiss deine Frage nicht. Ich muss mir erst mal etwas zu trinken holen, mein Mund ist vom Reden ganz ausgetrocknet.“
Als Lucas zurückkommt, reicht er Laura eine große Tasse mit heißer Schokolade.
„Danke, Lucas. Aber jetzt verrate mir bitte, wie die kleinen Wesen zur Erde kommen. Denn dort sollen sie doch wohl hin.“
„Das ist ziemlich einfach“, stellt Lucas fest …
„… Entsteht auf der Erde ein neues Menschenleben, löst sich ein Körbchen vom Baum. Langsam gleitet die Seele in dem Körbchen durch das All zur Erde. Selbstverständlich wird die kleine Seele nicht schutzlos auf die weite Reise geschickt. Sie wird von ihrem Licht – einem Engel – begleitet.“
Die Reise vom gläsernen Baum zum blauen Planeten ist die Geschichte von Lucas, der seiner kleinen Schwester Laura in der Weihnachtszeit eine lange Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte von der kleinen Seele Paul, die nach einem mehr als tausendjährigen Schlaf zur Erde reist, um die Frau zu suchen, die ihr das irdische Leben schenken wird. Es ist die Geschichte vom Engel Mimir, der seinem Schützling das Leben auf der Erde zeigt. Es ist eine Geschichte von den Menschen, von ihren guten und ihren schlechten Seiten. Es ist eine Geschichte voller Poesie und voller Liebe zum Leben und zu den Menschen.
Was steigert die Vorfreude auf Weihnachten mehr als ein Adventskalender? Noch schöner ist es, wenn man nicht nur jeden Abend ein Türchen öffnen darf, sondern auch eine Geschichte vorgelesen bekommt.
Dieser Adventskalender zum Lesen und Vorlesen enthält 24 adventliche und weihnachtliche Geschichten, an denen nicht nur Kinder ihren Spaß haben werden, sondern auch die Erwachsenen, die diese fröhlichen Geschichten über Kinder, Eltern und Engel vorlesen.